Charles Hubert Parry: De profundis – God is our hope and strength

Edward Elgar: From the Bavarian Highlands, op. 27 – The Snow, op. 26 No. 1

 

Sophie Bevan (Sopran), Dominic Sedwick (Bariton)

Hertfordshire Chorus

London Mozart Players 

David Temple (Leitung)

 

Signum Classics SIGCD1005 (1 CD)

 

 

Glanzvolles aus Victorias Zeiten 

David Temple dirigiert Parry und Elgar

 

Der 129. (oder – je nach Zählung – 130.) Psalm hat Komponisten über die Jahrhunderte ausgesprochen stark inspiriert. Josquin des Prez hat sich des „De profundis“ ebenso angenommen wie Orlando di Lasso, Schütz, Johann Sebastian Bach, Zelenka, Charpentier (mehrfach!), Mendelssohn, Raff, Lili Boulanger, Schönberg, Pärt oder Howard Goodall. Tatsächlich gibt es eine Unzahl an größeren und kleineren Vertonungen dieses Psalms, und selbst Prince Albert, der früh verstorbene Gatte Queen Victorias, hat eine Vertonung dieses Textes hinterlassen.

 

In diese Reihe gehört auch der englische Komponist Sir Charles Hubert Parry, der mit seinem Beitrag einem Auftrag des englischen Three Choirs Festival für das Jahr 1891 nachkam. Die Erstaufführung war ein Erfolg, und eine Reihe von Größen der englischen Musikwelt – darunter auch Ralph Vaughan Williams, Gerald Finzi und Sir Adrian Boult – fanden, auch in der Retrospektive, dass es Parrys bestes Werk war. Dass es sich in verschiedener Hinsicht um eine durchaus bemerkenswerte Komposition handelt, zeigt nun ihre vorliegende Ersteinspielung, die unter der Leitung von David Temple mit dem Hertfordshire Chorus und den London Mozart Players entstanden ist.

 

Zum einen ist das die große Besetzung, die drei Chöre à vier Stimmen fordert und es darum durchschnittlich großen Ensembles nicht eben leicht macht, das Werk aufs Programm zu setzen. Zum anderen aber ist es der sehr individuelle Charakter des Werkes. Während ein Gutteil der Vertonungen dieses Psalms die Darstellung des existenziell leidenden, mit Schuld beladenen Menschen hin zur Erkenntnis, dass Befreiung und Vergebung bei Gott sind, fokussiert und als eine im Affekt ausgesprochen breite Entwicklung anlegt, so findet sich dieser Blick bei Parry kaum.

 

Freilich, das Werk beginnt etwas verschattet, grüblerisch vielleicht. Am Abgrund steht hier aber niemand. Dass der Chor die Zeilen „De profundis clamavi ad te, Domine“ („Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu Dir“) dann aber in wenig zerknirschtem Dur anhebt und sich schnell eine hymnisch-begeisterte Atmosphäre ausbreitet, kann im ersten Moment dann schon irritieren. In der folgenden Kantilene des Solo-Soprans – klanglich schönste Spätromantik in der Folge Mendelssohns – findet sich dann der entscheidende textliche Schlüssel zum Verständnis des Ansatzes Parrys: „Quia apud te propitiatio est“ („Denn bei dir ist die Vergebung“).

 

Dass das so ist, zieht Parry nicht in Zweifel. Und es ist eben diese unerschütterliche Gewissheit, dass Gott am Ende Vergebung spenden wird, die den Ton der gesamten Komposition bestimmt und vom ersten bis zum letzten Takt durchweht. Das führt – und dies mag man dem Komponisten ankreiden oder auch nicht – zu einer gewissen Einförmigkeit der Komposition, die es absichtsvoll vermeidet, die Entwicklung, die der Psalm beschreibt, nachzuzeichnen.

 

Das soll nun nicht heißen, dass die Begegnung mit diesem Werk nicht gewinnbringend wäre. Nicht umsonst fand es bei seiner Erstaufführung so viel Beachtung. Der Hörer begegnet einem äußerst klangschönen, wohlproportionierten und effektvollen Stück britischer Chorsymphonik von etwa 25 Minuten Länge, das ein schöner Repräsentant der großen britischen Chortradition des späten 19. Jahrhunderts ist.

 

Sophie Bevan gestaltet die beiden Kantilenen für Sopran mit idealem Timbre nahezu ideal, sodass das Zuhören eine reine Freude ist. Im Zentrum steht aber natürlich der große und anspruchsvolle Chorpart, den David Temple mit dem von ihm geleiteten Hertfordshire Chorus trefflich vorbereitet hat. Der Chor überzeugt mit einem schönen und satten Chorklang, der weder zu frauen- noch zu männerlastig ist, und insbesondere mit seiner enormen dynamischen Flexibilität und seinem Sinn für die begeisternde Gestaltung dieser üppigen Partitur. Gleiches gilt für die London Mozart Players, die durchweg intelligent, jederzeit differenziert und immer als gleichgewichteter Partner zum Chor gestalten. Temple steuert sicher und mit Sinn für Effekt und die große wie kleine romantische Geste.

 

Gleiches gilt für die Darstellung der zweiten hier erstmals auf Tonträger zu findenden Komposition Parrys: dem 46. Psalm: „God is our hope and strength“. Allerdings bringt dieses Werk, was dem „De profundis“ fehlt: Vielfarbigkeit und einen stringenten dramatischen Fluss. Die noch etwas bildlichere Sprache des Psalmtextes hat Parry offenkundig noch etwas mehr inspiriert, auch wenn beide Texte inhaltlich miteinander verwandt sind. Wunderbar inszeniert Parry aus dem Dunkel heraus einen ekstatischen Hymnus, klangmagisch und mit jener wuchtigen Kraft der Überzeugung von der Größe und Kraft Gottes, die der Sprecher des „De profundis“ zunächst einmal entwickeln muss. Das etwa 13 Minuten währende Werk reißt in der Darstellung Temples und seiner Musikerinnen und Musiker unmittelbar mit, die Freude der Mitwirkenden daran, ein Werk, das sicher zu Parrys Gipfelleistungen zählt, zu gestalten, überträgt sich unmittelbar auf den Hörer. Eine geradezu kathartische Erfahrung.

 

Ausgesprochen überzeugend auch der kraftvolle und doch stimmlich elegante Bariton Dominic Sedgwick, der den kurzen Soloabschnitt des Werkes („O come hither, and behold the works of the Lord“) gestaltet.

 

Es wird wieder einmal deutlich: Parry – wie auch eine Reihe anderer englischer Komponisten – findet in deutschen Konzerthallen im Grunde nicht statt. David Temple und die hier versammelten Kräfte geben hier beredt Zeugnis davon, was für ein Verlust das ist. Schön, dass wir dank solcher Produktionen dieses Repertoire kennenlernen dürfen.

 

Den beiden chorsymphonischen Stücken sind auf der CD zwei intimere Kompositionen Edward Elgars beigeordnet. Zum einen handelt es sich hierbei um den frühen Chorliederzyklus „From the Bavarian Highlands“, op. 27. Gerne wird darauf hingewiesen, es handele sich um einen ebenso musikalischen wie auch textlichen Bilderbogen, der die glückliche Zeit, die die Elgars Ende des 19. Jahrhunderts in Bayern hatten, reflektiert. Und das ist natürlich auch richtig. Alice (und Edward) erarbeiteten die Texte gemeinsam, Elgar setzte sie in Töne. Man tat so, als handelte es sich um Texte aus bayerischen Volksliedern und Schnadahüpfeln, die Alice adaptiert habe. Dies sollte man mit einem Zwinkern verstehen.

 

Was Mrs. und Mr. Elgar hier allerdings tatsächlich geschaffen haben, ist ein kleiner Zyklus naturromantischer Lieder, die ganz typische Motive der (deutschen) Romantik aufgreifen: der Tanz des Lebens, die falsche Liebe, das Wiegenlied, das Liebeslied, das Gebet, die Jagd. Es gehört schon fast zum guten Ton, Alices Verse (auch die weiteren von Elgar vertonten) als eher mäßig zu kritisieren, es ist aber kaum abzustreiten, dass sie den volksliedhaften Ton, der hier benötigt wurde, sehr gut trifft.

 

Elgar setzt die Texte für Chor und Klavier, später hat er sie auch orchestriert. Damit legte er ein Werk vor, das wunderbar in die lebendige Tradition der englischen Chorgesellschaft passte und auch gut aufgenommen wurde. Tatsächlich gibt es wohl auch darum schon eine Reihe an Einspielungen des Werkes, der David Temple, der Hertfordshire Chorus und Rufus Frowde am Klavier nun ihre Interpretation hinzufügen. Es ist eine ausgesprochen klangschöne wie differenzierte Darstellung der einzelnen Lieder, die ein breites Spektrum an Stimmungen präsentieren. Da bleibt im Grunde an keiner Stelle ein Wunsch offen. Textverständlichkeit, dynamische Flexibilität, enorme Genauigkeit bei der Umsetzung der präzisen Angaben Elgars zur Gestaltung: Das alles ist in jeder Hinsicht mustergültig.

 

Der heimliche Höhepunkt dieser CD ist jedoch die Wiedergabe von Elgars frühem Partsong „The Snow“, op. 26 Nr. 1. Auch dieser Text stammt von Alice Elgar. Er thematisiert anhand der Schnee-Metapher den Kontrast zwischen der Kälte der den Menschen umgebenden Welt und der Wärme von Herz und Seele. Ursprünglich hatte Elgar das Werk 1894 für einen dreistimmigen Frauenchor, zwei Violinen und Klavier gesetzt. David Temple hat sich indes dazu entschlossen, das kongeniale Arrangement für vierstimmigen Chor von John Pointer (einem Komponisten und Lektor bei Elgars Verlagshaus Novello) einzuspielen. Das Ergebnis: eine Perle. Rebecca Turner und Richard Smith an den Violinen, Rufus Frowde am Piano, der Chor und Temple machen aus diesem Lied ein echtes Ereignis spätviktorianischer Chormusik, das zeigt, was Elgar seinen Zeitgenossen an Ausdrucksfähigkeit voraushatte.

 

Alles in allem eine höchst empfehlenswerte Produktion.

                                       

 

© Wolfgang-Armin Rittmeier