Edward Elgar
Light out of Darkness. Choral Music by Elgar.
Chapel Choir of the Royal Hospital Chelsea
Callum Knox - Orgel
William Vann - Leitung
 
SOMM Recordings SOMMMCD 0714 (1 CD)

 

Unbekannte Schätze

 

William Vann und der Chapel Choir of the Royal Hospital Chelsea

präsentieren geistliche und weltliche Chorwerke von Edward Elgar

 

Obschon mit einer gewissen Regelmäßigkeit Aufnahmen entstehen, die sich dem Chorschaffen Edward Elgars widmen, so gehört dieser Zweig seines Schaffens doch nicht eben zum Repertoire – zumindest nicht diesseits des Ärmelkanals. Fragt man hierzulande nach Elgars Kompositionen für Chor, so dürfte man – und dies war noch vor einem oder zwei Dezennien kaum vorstellbar – doch ab und an die Antwort bekommen, dass er der Komponist des großen Oratoriums „The Dream of Gerontius“ gewesen sei. Dass sein Name mit „The Apostles“ oder „The Kingdom“, mit „Caractacus“, „The Banner of St. George“ oder „The Music Makers“ verbunden ist, gehört eher zum esoterischen Wissen weniger Elgar-Aficionados. Noch viel überschaubarer gestaltet sich der Wiedererkennungseffekt dann bei den sogenannten „Partsongs“, also den mehrstimmigen Chorliedern oder bei den kleineren geistlichen Kompositionen für Chor. Dass das so ist, ist durchaus beklagenswert, denn Elgar hat auch in diesem Segment seines Schaffens eine Vielzahl von musikalischen Gemmen hinterlassen, die des Hörens (und Singens!) ausgesprochen wert sind. Daneben kann man an ihnen auch Elgars Entwicklung als Komponist in kleinen Stufen gut nachvollziehbar verfolgen. Bereits in den 1870er Jahren begann er damit, eigenständige geistliche Musik für Chor zu schreiben, 1889 dann entstanden mit „O Happy Eyes“ und „My Love Dwelt in a Northern Land“ die ersten Partsongs. Den letzten Beitrag zu dieser Gattung mit dem Titel „Good Morrow – A simple carol for His Majesty’s happy recovery“ komponierte er schließlich 1929 zur Feier des Umstandes, dass sich King George V. nach einer Lungenentzündung, die mit einer lebensbedrohlichen Sepsis einherging, erholt hatte.

Die vorliegende Aufnahme „Light out of Darkness – Choral Music by Elgar“ ist die zweite Produktion, in der sich der britische Dirigent William Vann und sein Chapel Choir of the Royal Hospital Chelsea – unterstützt durch Callum Knox an der Orgel – der Chormusik Elgars widmen. Schon die erste CD „The Reeds by Severn Side“ war für Freunde dieses Genres ein Genuss, und zwar aus zweierlei Gründen. Zum einen präsentierten Vann und sein Chor hier zuvor nie Eingespieltes (wie z. B. das ganz frühe „Credo“, das stark auf Themen aus Beethovens Symphonien 5, 7 und 9 rekurriert), zum anderen erfuhr Elgars Chormusik hier eine musikalisch und interpretatorisch durchweg exquisite Behandlung. Insofern bestand die berechtigte Hoffnung, dass auch die zweite Produktion ein Leckerbissen werden könne. Diese Hoffnung wurde nicht enttäuscht.

Auch auf „Light out of darkness“ finden sich einige Weltersteinspielungen, wie beispielweise das „O Salutaris Hostia in G-Dur" für Mezzosopran, Orgel und Chor, das „O Salutaris Hostia Nr. 2 in Es-Dur“ für Bariton, Orgel und Chor oder das geistliche Lied „Praise ye the Lord“. Insbesondere Elgars Vertonung des 51. Psalms („Have mercy upon me, O God, after thy great goodness“) im Stil des „Anglican chant“ und das in seiner melodiösen Schlichtheit besonders eindringliche „Stabat Mater“ aus dem Jahre 1886 erweisen sich als hochgradig erfreuliche Neuentdeckungen. Daneben gibt es Wohlbekanntes, beispielsweise das herrliche „Ecce sacerdos magnus“ oder das ausgedehnte Anthem „Great is the Lord“ op. 67. Hinzu treten Chorsätze aus dem Oratorium „The Light of Life“ op. 29 und „The Apostles“ op. 49, hier im Arrangement für Chor und Orgel. All diese Kompositionen werden von William Vann und dem Chapel Choir of the Royal Hospital Chelsea auf höchstem Niveau musiziert. Hinsichtlich der Textverständlichkeit und der agogischen Gestaltung ist das Ensemble in jeder Hinsicht exzellent. Auch der Klang des Chores ist berückend, wobei hier und dort klangliche Schwerpunkt etwas zu deutlich auf dem Sopran liegt, wobei dies ja durchaus auch als traditionelles Markenzeichen englischer Kammerchöre verstanden werden kann.

Die geistlichen Kompositionen umrahmen in dieser Produktion eine Reihe von weltlichen Partsongs. Auch hier zeigt sich insgesamt die gestalterische Finesse des Ensembles. Doch der vornehmlich sehr lichte, nicht selten ätherische Ton des Ensembles trifft in „O Happy Eyes“, der „Serenade“, „Deep in my soul“ oder „O wild West Wind!“ nicht ganz den Kern dieser in ihrem Tonfall doch anders angelegten Musik. Hier wäre ein Wechsel weg vom englischen Kathedralsound hin zu einem volleren und abgedunkelteren Register nötig gewesen, um die romantischen und zum Teil düsteren Texte Byrons, Shelleys oder Minskys vollends überzeugend auszuleuchten. Da dies aber nicht geschieht, wirken die Interpretationen der weltlichen Partsongs zwar wohldurchdacht, aber bisweilen ungewohnt körperlos. Gleiches gilt insbesondere für Elgars Opus 57, den in jeder Hinsicht anspruchsvollen Partsong „Go, Song of Mine“ auf einen von Dante Gabriel Rossetti aus dem Italienischen übersetzten Text. Hochdramatischer hat Elgar in diesem Genre nur selten komponiert – auf dem Höhepunkt des Liedes zitiert Elgar leidenschaftlich aus Wagners „Tristan“ – und so ist es besonders schade, dass es Vann und dem Ensemble auch hier nicht so recht gelingen will, sich in die Dramatik der Komposition zu involvieren.

Sehr lesenswert sind die der CD beigefügten Anmerkungen von Andrew Neill, der in der Vergangenheit der englischen Elgar Society vorgestanden hat. Sein Text zeichnet die Entwicklung von Elgars Schaffen für Chor so schlüssig nach, dass sich die Frage stellt, ob es nicht sinnvoller gewesen wäre, statt der Rahmenstruktur, die diese Aufnahme präsentiert, die vorgestellten Werke chronologisch und damit in ihrer stilistischen Entwicklung nachvollziehbar zu präsentieren.

In der Gesamtschau aber eine ausgesprochen hörenswerte Produktion.

© Wolfgang-Armin Rittmeier