Edward Elgar

The Dream of Gerontius, op. 38

Allan Clayton (Gerontius), Jamie Barton (Angel), James Platt (Priest, Angel of the Agony)

London Philharmonic Choir, Hallé Choir

London Philharmonmic Orchestra

Edward Gardner (Leitung)

 

LPO-0138 (2 CD)

 

 

„Geh nicht gelassen in die gute Nacht“

Edward Gardner dirigiert Elgars „The Dream of Gerontius“

 

Die vergangenen 15 Jahre waren für Liebhaber von Edward Elgars großer chorsymphonischen Komposition „The Dream of Gerontius“ op. 38, von der er schrieb, sie verkörpere das Beste von ihm, 15 gute Jahre. Nicht nur, dass das Werk in Deutschland eine wunderbare Renaissance erlebt hat und auch weiterhin erlebt, auch die Musikindustrie hat sich des „Gerontius“ in den letzten Jahren kontinuierlich angenommen. Es entstanden Aufnahmen mit Sir Colin Davis, Daniel Barenboim, Sir Andrew Davis, Vladimir Ashkenzazy und noch einige mehr. Im Jahr 2024 brachte Paul McCreesh eine Aufnahme auf, die auf Instrumenten der Jahrhundertwende vom 19. auf das 20. Jahrhundert eingespielt wurde, gerade kürzliche erschien eine Aufnahme mit Nicholas Collon und vereinigten Kräften aus dem UK und Finnland. Und für 2026 ist bereits eine nächste Aufnahme angekündigt.


Die gegenwärtig aktuellste Einspielung indes entstand unter der Leitung von Edward Gardner. Es handelt sich um den Mitschnitt eines Konzertes vom 31. August 2022 aus der Londoner Royal Albert Hall.

Mit Gardners Einspielungen der beiden Symphonien Elgars im Hinterkopf durfte man dieser Neueinspielung des „Gerontius“ durchaus mit ein wenig Vorbehalt entgegentreten. Nicht, dass seine Darstellung der Symphonien Elgars in irgendeiner Weise problematisch gewesen wäre. Tatsächlich handelt es sich um zwei durchaus gut anzuhörende Aufnahmen. Allerding knüpfen sie so stark, ja gleichsam stromlinienförmig an die englischen Aufführungstradition Boult’scher Prägung an, dass wenig Neues oder Eigenständiges präsentieren.


Doch wie das mit Vorbehalten gottlob bisweilen so ist: sie können entkräftet werden. Um die Quintessenz vorauszunehmen: Edward Gardners Einspielung des „Gerontius“ gehört zu den überzeugendsten der letzten Jahre, ja: der Diskographie überhaupt. Grund dafür ist das glückliche Zusammentreffen von hervorragenden Musikern und der rundum überzeugenden Vision des Dirigenten.


Dramatik und Fluidität sind die beiden vordringlichen zwei Schwerpunkte der in diesem Konzertmitschnitt präsentierten Lesart, wobei das nicht bedeutet, dass hier anderthalb Stunden lang eine Tour de force lediglich um ihrer selbst willen inszeniert wird. Im Gegenteil. Gardners Lesart glüht aus der inneren Dramatik des Stoffes heraus. Selten habe ich den ersten Teil so spannungs- und aber auch druckvoll gehört. Hier klagt, flüstert und schreit sich der Gerontius auf sein Ende zu. Keine Melancholie, keine Asthenie, kein Siechtum, keine Weihe. Vielmehr wirkt es so, als sei Gardners Ansatz von Dylan Thomas‘ berühmten Zeilen „Do not go gentle into that good night, /Old age should burn and rave at close of day“ inspiriert.


Tenor Allan Clayton beweist sich bereits in diesem ersten Teil als herausragender Interpret der Rolle des Gerontius. Mit seiner hellen, aber jederzeit auch kraftvollen Stimme begegnet er den Herausforderungen und Tücken der Partie höchst flexibel. Dazu begeistert er durch eine enorm präzise Diktion und eine im Höchstmaß detaillierte Arbeit am Text, den er aufs Feinste ziseliert, formt und ausleuchtet. So gelingt ihm ein echtes Rollenportrait des alten Mannes („Geron“), das weit über das Podium hinausreicht. Claytons intensive und vor allem nahbare Darstellung stellt unmittelbar die Verbindung zu den Zuhörenden her und involviert sie intensiv in die Auseinandersetzung mit der sie früher oder später einholenden Thematik des Sterbens. Dies ist schon außergewöhnlich und in jedweder Hinsicht ergreifend.  


Im zweiten Teil setzt sich der gute Eindruck fort. Auch hier liegt bei aller (vorläufiger) Veränderung der Atmosphäre – die Szene wechselt weg vom Sterbezimmer hin ins Jenseits – der Akzent auf das flüssige Fortschreiten der Handlung. Es ist auch hier das Verdienst des sich stets fühlbar vorwärts bewegenden Pulses Gardners, dass der Beginn des langen Dialogs der Seele des Gerontius mit seinem vergilianischen Engel – und dies ist ein Problem manch einer Aufnahme und Aufführung des Werkes – nicht „hängt“. Allan Clayton und Mezzosopranistin Jamie Barton ergänzen sich in der Ausgestaltung des dialogischen Geschehens hier durchweg gut.


Barton singt auf ähnlich hohem Niveau wie Clayton. Textlich auch im Detail sehr präsent, gestalterisch durchweg intensiv und überzeugend als der Seele Gerontius‘ nahe und gleichzeitig auch ferne Gestalt: übernatürlicher Bote Gottes zwar, aber auch zugewandte Freundin. Dass die Stimme im tiefen Register bisweilen recht brustig wird, stört kaum.


Die neben Gerontius und Engel eher überschaubare Partie für Bass wird hier von James Platt gestaltet. Schon im ersten Teil beeindruckte er in der kleinen Rolle des Priesters. Die Darstellung des „Angel of the Agony“ im zweiten Teil, die er mit großer Stimme und einem an seinen Lehrer Sir John Tomlinson gemahnenden profunden Ton liefert, ist nichts weniger, denn von erschütterndem und nachhaltigem Eindruck.


In jeder Hinsicht herausragend singen der London Philharmonic Choir (Einstudierung: Neville Creed) und der Hallé Choir aus Manchester (Einstudierung: Matthew Hamilton). Die beiden Ensembles haben keinerlei Probleme mit der Ausgestaltung der enormen Farb- und Formvielfalt dessen, was Elgar dem Chor in diesem Werk zugedacht hat. Ob Dämonen, Engel, Freunde am Lager des Gerontius – da gibt es keinerlei Defizite in der Darstellung. Auch klanglich, artikulatorisch, dynamisch oder agogisch gibt es nur staunenswerte Perfektion. Es wird vom ersten Ton an begeisternd musiziert und das bei einem Stück, das für diese Ensembles ein Repertoirestück ist. Gleiches gilt für das in jeder Hinsicht exquisite Spiel des London Philharmonic Orchestra, dass den Anschein erweckt, als würde diese außergewöhnliche Komposition Werk soeben aus der Taufe gehoben. Und damit ist das Ziel einer jeglichen Aufnahme und Aufführung letztlich erreicht.


Der bisweilen bärbeißige Komponist Charles Villiers Stanford war angeblich der Auffassung, Elgars „Gerontius“ stinke nach Weihrauch. Diese höchst empfehlenswerte Aufnahme hätte ihn eines Besseren belehrt. 

 

© Wolfgang-Armin Rittmeier