Scenes from the Saga of King Olaf, op. 30
Am 15. Juli 1894 schrieb Alice Elgar in ihr Tagebuch: „E.[dward] schrieb den ganzen Tag Sagas – wunderbar!“ Bei den hier angesprochenen „Sagas“ handelte es sich offenkundig um seit April desselben Jahres im Entstehen begriffene Pläne und Skizzen zu einem Libretto für eine Komposition, die sich um den norwegischen Wikingerkönig Olav Tryggvason (c. 950-1000) drehen sollte. Allerdings blieb die Arbeit an dem Projekt zunächst liegen, weil andere Vorhaben Priorität hatten. So schrieb Elgar auf Anraten seiner oft am Praktischen orientierten Frau nach ihrem Sommerurlaub in Bayern zunächst eine Reihe von Part-Songs, da diese sich im chorbegeisterten England jener Jahre gut verkauften und die eher spärliche finanzielle Basis der Elgars stets Aufbesserung vertragen konnte. So entstand unter anderem „From the Bavarian Highlands", eine Sammlung von Chorliedern, die ein Reflex seines Sommerurlaubs in Bayern war. Neben diesen Liedern wurde auch seine Orgelsonate G-Dur 1895 fertiggestellte. Elgar hatte diese für Hugh Blair, den Organisten an Worcester Cathedral, komponiert, aber einem anderen Mann gewidmet, und zwar Charles Swinnerton Heap, dem neuen Chorleiter der Birmingham Festival Society. Heap stammte aus Birmingham und war in der mittelenglischen Musikszene kein Unbekannter. Die Elgars hatten bereits 1892 seine Bekanntschaft gemacht. Im Dezember 1894 hatte Heap zudem eine erfolgreiche Aufführung von „The Black Knight“ in Walsall geleitet und Elgar daraufhin wohl Mitte 1895 angeboten, dass er, sollte es ein weiteres Chorwerk aus seiner Feder geben, dies 1896 beim North Staffordshire Triennial Music Festival in Hanley zur Aufführung bringen würde. Anfang Oktober konnte Swinnerton Heap Elgar offiziell mit der Komposition für Hanley beauftragen. Zu diesem Zeitpunkt war bereits klar, dass Elgar hierfür die 1894er „Sagas“ um Olav Tryggvason aufgreifen würde.
Olav Tryggvasson war ein Wikingerkönig, der im 10. Jahrhundert lebte. Informationen zu Olafs Biografie sind rar, speisen sich vornehmlich aus mittelalterlichen Historien wie der „Historia Norwegiæ“ und der „Ágrip af Nóregskonungasögum“ (beide spätes 12. Jahrhundert) und sind darum nur wenig verlässlich. Nachdem sein Vater Tryggve Olafsson, der im 10. Jahrhundert als Unterkönig Teile von Norwegen kontrollierte, im Auftrag des norwegischen Königs Harald II. Gråfell ermordet worden war, wuchs Olav wohl im Exil auf den Orkney Islands auf, wurde auf den Scilly Islands getauft und in der Stadt Andover gefirmt. Später dann entschied er sich dazu, nach Norwegen zurückzukehren, um zum einen seinen Vater zu rächen und zum anderen, um den Norwegern bei dieser Gelegenheit das Christentum zu bringen.
Elgar kannte den Stoff aus den 1863 erschienenen „Tales of a Wayside Inn” des amerikanischen Dichters Henry Wadsworth Longfellow (1807-1882), der sowohl von ihm selbst als auch seiner Mutter bewundert wurde. Longfellows Übersetzung des Gedichtes „Der schwarze Ritter“ des schwäbischen Dichters Ludwig Uhland (1787-1862) hatte Elgar bereits als Libretto für seine Kantate „The Black Knight“ (1893) gedient. Bei den „Tales“ handelt es sich um eine Sammlung von Erzählungen, die sich, es ist schon an der Verwendung des Begriffes „Tales“ im Titel erkennbar, strukturell an den berühmten „Canterbury Tales“ von des hochmittelalterlichen Dichters Geoffrey Chaucer (ca.1343-1400) orientieren.
Longfellows „Saga“ selbst geht wiederum zurück auf die nordische Heimskringla-Saga des Snorri Sturluson (1179-1241), die er in der 1844 erschienenen Übersetzung des von den Orkneys stammenden Reiseschriftstellers Samuel Laing kennengelernt haben dürfte. Die Übertragung Laings war die erste ihrer Art und sorgte dafür, dass das viktorianische England erstmals mit der mittelalterlichen nordischen Welt in Berührung kam, was zu einem Dekaden anhaltenden Wikinger-Fieber führte.
Longfellow kürzte die aus 123 Kapiteln bestehende „Saga“ auf 22 Teile, die dann jeweils ein Abenteuer des christianisierten Wikingerkönigs Olaf erzählen. Diese komplett zu vertonen wäre aber ein zu umfangreiches Unterfangen gewesen, also musste Longfellows Text ebenfalls gekürzt werden. Und so entstanden notgedrungen nur „Scenes from the Saga of King Olaf”. Elgar tat sich mit der Arbeit am Text nicht leicht, sodass er gern auf das Angebot seines Nachbarn Henry (Harry) Arbuthnot Acworth Anfang November annahm, der vorgeschlagen hatte, dass er ihn bei der Bearbeitung unterstützen können. Arbuthnot, der lange als Kolonialbeamter in Indien gearbeitet hatte, hatte während seiner Zeit dort indische Balladen ins Englische übersetzt („Ballads of the Marathas“, 1894) und sah sich für diese neue literarische Aufgabe darum bestens gerüstet. Gemeinsam wurden nun Kürzungen vorgenommen, es wurden Abschnitte revidiert, redigiert, angepasst oder – wie im Falle der Rezitative – komplett neu erstellt. Am Ende stand schließlich ein neun Szenen umfassendes Libretto.
Nach Abschluss der Arbeit am Libretto trieb Elgar die Komposition so intensiv voran, dass Alice im Familientagebuch der Elgars immer wieder Sätze wie diese vermerkte: „E.[dward] schreibt Sagas“, „E. schreibt gewaltige Sagas“ oder „E. schrieb prächtige Szenen“. Die Arbeit ging zügig voran und so konnte der Klavierauszug bereits am 21. Februar 1896 fertiggestellt werden.
Die Uraufführung am 30. Oktober 1896 in der Victoria Hall in Hanley stand unter keinem guten Stern. Der Tenor Edward Lloyd war zu keiner der Proben aufgetaucht und hatte darum streckenweise mit der Partie zu kämpfen.
Der junge Komponist Havergal Brian, der im Publikum saß, erinnerte sich wie folgt an das Ereignis:
„Die Aufführung war an einem kalten Oktobermorgen. Ich war mit zwei Bekannten da, die ich mit meinem Enthusiasmus angesteckt hatte. Meodora Hensons sang die Sopran-Partie, Edward Lloyd war in bester Form und Ffrangcon Davies war ein gutaussehender Bursche mit einem wuscheligen Haufen von lockigem Haar. Der Konzertmeister war Willy Hess. Der unbekannte Elgar trat in einem hellen Wollanzug auf, um sein Werk zu dirigieren, und er war offensichtlich angespannt und nervös. Als Lloyd die Zeile „And King Olaf heard the cry" sang, ging etwas daneben und Willy Hess sah, dass Elgar daraufhin aus dem Konzept kam. Hess sprang auf und hielt das Ganze durch seine Präsenz und seinen Bogen zusammen. Er hat den „King Olaf" gerettet. Elgar hat mir Jahre später gestanden: 'Wäre Willy Hess nicht gewesen, die Aufführung wäre ein einziges Fiasko geworden.'"
Und doch: "King Olaf" war ein Erfolg, wurde schnell allerorten gespielt und machte Elgar in ganz England bekannt. Die Presse zeigte sich begeistert: „Mr. Elgar hat sich selbst in den Schatten gestellt. Er hat ein epochales Werk geschaffen […]. Nach „The Black Knight“ und den „Licht der Welt“ [= „The Light of Life“, Anm.. der Verf.] wurde voll Zuversicht etwas Großes erwartet, doch Mr. Elgar hat die Erwartungen noch übertroffen. Die englische Musik wurde auf die höchste Ebene der Gegenwartskunst gehoben. Mr. Elgar ist nachweislich das größte englische Genie seit Henry Purcell.“
„Die Aufführung war an einem kalten Oktobermorgen. Ich war mit zwei Bekannten da, die ich mit meinem Enthusiasmus angesteckt hatte. Meodora Hensons sang die Sopran-Partie, Edward Lloyd war in bester Form und Ffrangcon Davies war ein gutaussehender Bursche mit einem wuscheligen Haufen von lockigem Haar. Der Konzertmeister war Willy Hess. Der unbekannte Elgar trat in einem hellen Wollanzug auf, um sein Werk zu dirigieren, und er war offensichtlich angespannt und nervös. Als Lloyd die Zeile „And King Olaf heard the cry" sang, ging etwas daneben und Willy Hess sah, dass Elgar daraufhin aus dem Konzept kam. Hess sprang auf und hielt das Ganze durch seine Präsenz und seinen Bogen zusammen. Er hat den „King Olaf" gerettet. Elgar hat mir Jahre später gestanden: 'Wäre Willy Hess nicht gewesen, die Aufführung wäre ein einziges Fiasko geworden.'"
Und doch: "King Olaf" war ein Erfolg, wurde schnell allerorten gespielt und machte Elgar in ganz England bekannt. Die Presse zeigte sich begeistert: „Mr. Elgar hat sich selbst in den Schatten gestellt. Er hat ein epochales Werk geschaffen […]. Nach „The Black Knight“ und den „Licht der Welt“ [= „The Light of Life“, Anm.. der Verf.] wurde voll Zuversicht etwas Großes erwartet, doch Mr. Elgar hat die Erwartungen noch übertroffen. Die englische Musik wurde auf die höchste Ebene der Gegenwartskunst gehoben. Mr. Elgar ist nachweislich das größte englische Genie seit Henry Purcell.“
Wie aber fast alle chorsymphonischen Werke Elgars, die vor „The Dream of Gerontius“ (1900) komponiert wurden, verschwand King Olaf spätestens vor dem Zweiten Weltkrieg von den Konzertprogrammen. Zu altväterisch, viktorianisch und bürgerlich wirkten diese Werke in den „Roaring Twenties“ und den „Dirty Thirties“. Und so gehört „King Olaf“ heute zu den Kompositionen Elgars, deren Aufführungen inner- und außerhalb Großbritanniens ausgesprochen rar sind, so rar, dass der britische Musikwissenschaftler Robin Holloway davon spricht, dass es sich insgesamt nicht um „lebendiges Repertoire“ handele und dass Aufführungen (und Aufnahmen) im Grunde Akte der „Exhumierung“ darstellen.
Elgar selbst jedoch stand bis an sein Lebensende zu dem Werk. Ja, er war sogar erkennbar stolz darauf. Als ihm sein enger Freund Troyte Griffith 1924 brieflich davon berichtete, dass er eine Aufführung des „King Olaf“ in Malvern besucht hatte, schrieb Elgar in seinem Antwortschreiben: „Wenn ich K.O. [=King Olaf] noch einmal komponieren müsste, ich würde es noch einmal ganz genau so machen. Die Atmosphäre und die Technik stimmen.“ Ihm war klar, dass er in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts insbesondere mit “King Olaf”, dem sich anschließenden „Caractacus“ (1898) und schließlich den „Enigma Variations“ (1899) nach langer Lehrzeit als Komponist zur Reife gelangt war. Auch aus diesem Grund lohnt es sich, das Werk heute neu zu entdecken.
(c) Wolfgang-Armin Rittmeier