Neuerscheinung bei cpo: 

Elgars Orgelsonate op. 28 arrangiert für Streicher von Hans Kunstovny. 


******


Vom Rauschen der Gottheit

Edward Elgars „The Apostles“ in Aachen (07.03.2020)

von Wolfgang-Armin Rittmeier

Typischerweise verbindet der deutsche Musikliebhaber mit dem Namen Edward Elgar unmittelbar dessen ersten „Pomp and Circumstance“-Marsch, in dessen Trio jene berühmte Melodie auftaucht, von der Elgar selbst meinte, es sei eine, die „die Leute umhauen“ werde. „Land of Hope and Glory“ lautet der später dieser Melodie hinzugefügte, mehr als nur nationalistisch umwehte Text von Arthur C. Benson, den auch viele „Last-Night-of-the-Proms”-erprobte Klassikhörer in Deutschland enthusiasmiert mitsingen können, wenn sich die die Notwendigkeit ergibt. Dass der Komponist Edward Elgar eine nicht unerhebliche Menge weiterer (und völlig anders gearteter) Vokalmusik hinterlassen hat, ist indes bei Weitem nicht so bekannt. Seit einigen Jahren erlebt zwar sein Oratorium „The Dream of Gerontius“, das 1900 uraufgeführt wurde, in deutschen Kirchen und Konzertsälen eine vorsichtige Renaissance. Die beiden vergleichbaren chorsymphonischen Großkompositionen, „The Apostles“ (1903) und „The Kingdom“ (1906), die Elgar im Anschluss an den „Gerontius“ komponiert hat, werden indes ausgesprochen selten aufgeführt. Sein Opus 49, das Oratorium „The Apostles“, erlebte nun, 117 Jahre nach seiner Erstaufführung in Birmingham, seine Premiere in Aachen.

Der Aachener Bachverein und sein Leiter Georg Hage hatten zu diesem Ereignis in den Krönungssaal des Aachener Rathauses geladen. Es war nicht das erste Mal, dass sich Hage und der Aachener Bachverein dem Werk Elgars widmeten. Bereits 2016 hat man „The Dream of Gerontius“ und 2018 dann „The Kingdom” aufgeführt. Auch „The Apostles“ zur Aufführung zu bringen, war vor diesem Hintergrund folgerichtig, ja eigentlich geradezu zwingend notwendig. Um es vorab zu sagen: Diese Entscheidung war eine durchweg richtige.

Es ist an diesem Abend im Aachener Rathaus – und das schreibe ich ohne einen Anflug von Schmeichelei – ohne Zweifel deutlich geworden, dass Hage und „sein“ Aachener Ensemble mittlerweile so etwas wie Spezialisten für das chorsymphonische Werk des Meisters aus Worcester geworden sind. Chorseits blieb da für den Hörer kaum ein Wunsch offen. Die Sängerinnen und Sänger des Aachener Bachvereins und des hinzugetretenen Kammerensembles BachVokal waren bestens präpariert und formten die umfangreichen Choranteile des Werkes mit der ganzen zur Verfügung stehenden Palette an Ausdrucks- und Gestaltungsmöglichkeiten. Ob das nun die Mystik der ersten Takte des Prologs war („The Spirit of the Lord is upon me“), die Andersweltlichkeit des Engelschors („Alleluia“), die die Festigkeit im Glauben repräsentierende Konventionalität des Zwischenfinales („Turn you to the stronghold, ye prisoners of hope“) oder die schlicht unfassbar spannungsvollen Steigerungen in „Proclaim unto them that dwell on earth“ und dann noch einmal im Finale des Werkes, das vollends von einem göttlichen Rauschen durchflutet schien: alles gelang auf das Überzeugendste. Und das in den bekanntermaßen nicht idealen akustischen Verhältnissen des Krönungssaals, über die man sich an dieser Stelle sicher weidlich ergehen könnte, auch in Bezug auf deren Einfluss auf die Präsenz manch einer solistischen Passage. Aber warum Erbsen zählen? Am Ende ist zweifelsohne zu konstatieren, dass dies– und das ist es, was im Gedächtnis bleibt – eine Leistung war, wie sie auch einem jeden professionellen Chorensemble gut zu Gesicht gestanden hätte.

Eine ausgesprochen glückliche Hand hat Georg Hage auch bei der Besetzung der sechs Solisten bewiesen. Dass alle Erfahrungen mit dem musikalischen Idiom Elgars mitbrachten, führte zu einer ausgesprochen erfreulichen klanglichen, aber auch interpretatorischen Homogenität des Sextetts. Tatsächlich lässt sich hier keine Leistung gegen eine andere absetzen, da alle Solistinnen und Solisten auf gleichmäßig hohem Niveau sangen.

Nathalie de Montmollin gefiel aufgrund ihrer durchweg sicheren und bewegenden Gestaltung der Sopranpartie. Neben großer stimmlicher Strahl- und Durchschlagskraft war sie auch spielend in der Lage, die sehr zurückgenommenen, ja zarten Passagen ihrer Partie (ich denke beispielsweise an den Beginn „The voice of thy watchman!“) vorbildlich zu gestalten. Leider sorgte an einigen Stellen die – im Krönungssaal nicht zu umgehende – Positionierung der Solistinnen und Solisten hinter dem Orchester dafür, dass dem ein oder anderen Piano im Zuschauerbereich die wünschenswerte klangliche Präsenz verwehrt blieb.

Mit einem ähnlichen Problem hatte ab und an Mezzosopranistin Marion Eckstein zu kämpfen, der (unter anderem) die Gestaltung der herausgehobenen Rolle der Maria Magdalena oblag. Diese gelang ihr ausgesprochen überzeugend. Ihre Fähigkeit zur packenden, ja emphatischen und hochdramatischen Darstellung erlaubte ihr einen durchweg erschütternden Entwurf dieser komplexen, zwischen Verzweiflung, Reue und Hoffnung oszillierenden Figur. Allerdings ergab sich aus dem herrlich dunklen Timbre und der Tessitur dieser Partie bisweilen auch das Problem, dass Passagen des Abschnittes „Im Turm von Magdala“ kurzfristig hinter dem Orchesterklang verschwanden. Leichter hatten es da die Herren, deren Partien insgesamt vorteilhafter gesetzt sind.

Thomas Laske gestaltete mit elegant geführtem, aber in allen Lagen auch kraftvollen Bariton einen durchweg von seiner Göttlichkeit überzeugten und in dieser ruhenden Jesus. Dieser Jesus kennt keinen Zweifel an seiner Herkunft, seiner Aufgabe und seinem Ziel. Kein Wunder also, dass Elgar die letzten Worte („Eli, eli, lama sabachthani?“) zu Beginn des Abschnitts „Golgatha“ rein orchestral gesetzt hat. Laske folgte Elgars Anlage der Partie gleichsam ideal, sei es während der Bergpredigt, sei es in den der Himmelfahrt vorausgehenden letzten Worte Jesu an seine Apostel („I am with you always, even unto the end of the world.“).

Die Partie des Petrus, die Elgar später in „The Kingdom“ ins Zentrum des Geschehens rückte, ist in „The Apostles“ überschaubar, sodass Bariton Ronan Collett – man muss sagen: leider – nur wenig Raum hatte, um mit seiner ebenfalls ausgesprochen für sich einnehmenden, kernigen Baritonstimme sowie seinen gestalterischen Fähigkeiten zu glänzen. An den Stellen, an den Petrus aus dem Tutti der Apostel heraustritt, beispielsweise in der Verleugnungsszene („In the Palace of the High Priest“), wurde deutlich, wie spannend es wäre, einmal Colletts Darstellung des Petrus in „The Kingdom“ zu erleben.

Auch die Tenorpartie ist in „The Apostles“ eher überschaubar. Markus Schäfer fiel neben der Rolle des Johannes auch die Gestaltung einer Reihe von Szenen einleitenden oder die Handlung vorantreibenden Rezitativen zu, die von ihm durchweg höchst expressiv modelliert wurden („And it came to pass“). 

Ähnlich herausgehoben wie die Rolle der Maria Magdalena ist die des Judas, deren Interpretation an diesem Abend Reimund Nolte oblag. Es ist eine der komplexesten Figuren, die bei Elgar auftauchen. Das Bild, das Elgar von Judas zeichnet ist nicht das eines durch und durch verdorbenen Mannes, sondern eines solchen, der zweifelt und auf der Grundlage dieses Zweifels eine fatale Fehlentscheidung trifft, eine Fehlentscheidung, die ihn schlussendlich in den Selbstmord führt. Nolte, dessen dunkler Bass bestens zur Rolle passte, lotete die Abgründe dieser Figur nuancenreich und vor allem glaubwürdig und ohne jede Überzeichnung aus. Vor dem inneren Auge des Publikums gewann so die Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit des biblischen Urverräters („My hope is like dust that is blown away with the wind“) eine herausragende Plastizität.

Getragen wurde die Aufführung von dem hervorragend aufgestellten Sinfonieorchester Aachen. Es ist ja kein Geheimnis, dass dieser Klangkörper in der Klangwelt des spätromantischen Repertoires vollkommen zu Hause ist und sich entsprechend mit großer Selbstverständlichkeit durch die Musik der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert bewegt. Was an diesem Abend jedoch neben der ungeheuren gestalterischen Kompetenz der Musikerinnen und Musiker aus Aachen herausstach, war, dass auch der spezielle Tonfall der Elgar’schen Musik, der oft als „typisch englisch“ beschrieben wird, ganz natürlich getroffen wurde. Dies gelingt nicht-englischen Orchestern nicht oft und schon gar nicht immer. Insofern fügte sich auch dieser Umstand nahtlos in den rundum positiven Eindruck, den das Konzert beim Rezensenten hinterlassen hat.

Schließlich war es aber auch insbesondere Georg Hages Dirigat, das dafür sorgte, dass die Aachener Erstaufführung von „The Apostles“ dem Rezensenten noch lange in bester Erinnerung bleiben wird. Eine Reihe von Gründen liegt ganz offensichtlich auf der Hand. Hage hat sich in Elgars Klangwelt- und Klangsprache so intensiv eingearbeitet, dass da gestalterisch schlicht alles stimmt. Mit großer stilistischer Sicherheit – gerade auch in Bezug auf die vielen heiklen Übergänge des Werkes – führte Hage alle Ausführenden durch die weitgespannte Nuancen- und Farbenvielfalt dieser Partitur, die nicht selten wie Klang gewordene Historienmalerei wirkt. Es gibt nun Interpreten, die sich von dem Detailreichtum des Werkes dazu verleiten lassen, dessen tableauartige Struktur durchweg mit breitem Pinsel und eher getragenem Duktus anzugehen und diese so heillos überzubetonen, dass der dramatische Atem des Werkes, den es durchaus hat, gänzlich erstickt wird. An diesem Abend konnte das Publikum jedoch einen anderen Ansatz erleben. Georg Hage legte bei seiner Interpretation den Fokus auf die Erarbeitung einer sinnfälligen Gesamtbildes, auf die Herstellung der Balance zwischen der stringent darzustellenden dramatischen Handlungsebene des Werkes und jenen sich immer wieder aus dem musikalischen Fluss breit und mit einer gewissen Statik emporhebenden monumentalen Momenten und Passagen, in der sich der Komponist Elgar sich auf der Ebene der Musik in der Tat einer Überwältigungsästhetik bedient, wie sie Historienmalerei eben auszeichnet. Das entscheidende Stichwort hier ist und bleibt aber „Balance“. Wird diese nicht gehalten, dann mutiert das Werk schnell zu einem scheintoten Koloss. Es ist abschließend zu konstatieren, dass Georg Hage diesen Ansatz an diesem Abend in Aachen beispielhaft umsetzen konnte, sodass „The Apostles“ seine volle Wirkung, seine Kraft und seinen Zauber vollends entfalten konnte. Ein intensiveres Plädoyer für das Chorwerk Elgars kann es eigentlich nicht geben.