Cellokonzert e-Moll, op. 85

Michael Schwalb

Nobilitierte Virtuosität

Zum Cellokonzert von Edward Elgar

Edward Elgars erste durchschlagende Erfolge als Komponist stellten sich erst irn Alter von über 40 Jahren ein; der in der Nähe von Worcester in kleinbürgerlichen Verhältnissen als Sohn eines Klavierstimmers und Musikalienhändlers geborene Elgar war kompositorischer Autodidakt, der außer privatem Violinunterricht keine reguläre musikalische Unterweisung genossen hatte. Doch Worcester war eine Provinzstadt mit regem musikalischem Leben, wenn auch auf Amateurbasis, aber dieser Musikenthusiasmus bot Elgar ein reichhaltiges Betätigungsfeld als Geiger und Bläser, Chor- und Orchesterleiter und verschaffte ihm auch die Möglichkeit zur Aufführung seiner frühesten Kompositionen. Bei dem alle drei Jahre in Worcester stattfindenden " Three Choirs Festival" wirkte Elgar beispielsweise 1884 als erster Geiger unter der Leitung von Antonin Dvorak bei dessen "Stabat Mater" und der 6. Symphonie mit.

Das Land seiner Träume, zumindest für eine musikalische Ausbildung, war für Edward Elgar jedoch Deutschland: 1883 verbrachte er zwei Ferienwochen in Leipzig und liebäugelte dort mit dem Gedanken eines Studiums an Deutschlands berühmtester, von Felix Mendelssohn Bartholdy gegründeter Musikhochschule - ein Plan, der sich jedoch leider aus Geldmangel nicht realisieren ließ. 1892 und 1893 unternahm Elgar Pilgerfahrten nach München und Bayreuth, um unter Hermann Levi die Werke Wagners, vor allem den "Ring des Nibelungen" zu hören - musikalische Erfahrungen, die sich hauptsächlich in der Übernahme von Wagners Leitmotivtechnik in den groß angelegten Chor- und Orchesterkantaten jener Jahre niederschlug.

Der langersehnte erste Erfolg stellte sich endlich 1897 mit einer Gelegenheitskomposition zu Queen Victorias diamantenem Regierungsjubiläum ein: Der "Imperial March" brachte Elgar äußeren Ruhm und gesellschaftliche Anerkennung, traf er doch ebenso wie seine Märsche "Pomp and Circumstance" (1901ff) in ihrer mitreißenden orchestralen Brillanz den Ton der Zeit als Ausdruck einer durchaus auch chauvinistischen Huldigung an das britische Weltreich auf dem Höhepunkt seiner Ausdehnung und Macht.

Elgar befand sich zu diesem Zeitpunkt seinerseits nicht nur auf dem Gipfel seiner Popularität, die sich in der Erhebung in den Adelsstand ausdrückte, sondern die folgenden Jahre gelten auch als seine produktivste Zeit. Umso einschneidender war für den nahezu 60-jährigen der Ausbruch des Ersten Weltkriegs: Der durch das kollektive Trauma der kriegerischen Grausamkeiten ausgelöste Verfall des gesellschaftlichen und kulturellen Wertesystems einer ganzen Generation und der Zusammenbruch des britischen Empire als Folge des Kriegsverlaufs trafen den Komponisten an der Wurzel seiner vitalen und produktiven Kräfte. So hat Elgar nach dem Ende des Krieges bis zu seinem Tod 1934 kein wesentliches oder eigenständiges Werk mehr vollendet.

"Nobilmente“ schreibt Elgar über die fünf rezitativischen Eröffnungstakte des Soloinstruments seines Cellokonzertes, das unter seiner Leitung und mit dem Cellisten Felix Salmond in der Londoner Queen's Hall am 27. Oktober 1919 uraufgeführt wurde. Dieser Beginn taucht als musikalisches Signet im Verlauf des Konzerts immer wieder auf, etwa als Bindeglied zwischen dem ersten und zweiten Satz und dann im Finale, so daß es dem gesamten Werk seinen Stempel aufdrückt und das viersätzige Stück derart durchwebt, daß es als immanent durchkomponiert erscheint. (Bemerkenswert ist zudem, daß Elgar die großen Gesänge des ersten und dritten Satzes im Dreiertakt und aus der rhythmischen Keimzelle von 3/8 heraus gestaltet, wohingegen die schnellen Sätze im 4/4- bzw. 2/4-Takt komponiert sind.)

Nach einer Bestätigung dieses musikalischen Signums durch die Holzbläser hebt das Solocello mit einer deklamatorisch beschwörenden Floskel an, um aber den Bratschen das Feld für eine großbogige Monodie zu überlassen. Überraschenderweise beherrscht das Soloinstrument mit seinem Eintritt in keiner Weise auftrumpfend die Szene, sondern ergeht sich sogleich in Gesten der Ergebung und Resignation; auch nach der Übernahme der im Wagnerschen Sinne ,unendlichen Melodie' des Kopfsatzes erhebt der Solist nur zwei Mal die Stimme zu einem Akt der Auflehnung, der aber unverzüglich von einem massiven Blechchoral abgefangen und eingedämmt wird - bis der Gesang des Cellos am Satzende resignierend im pianissimo versickert.

Eine kadenzartige Erweiterung des Anfangsrezitativs bildet den Übergang zum zweiten Satz, einem virtuosen moto perpetuo, dessen solistisch abgespulte Energie immer wieder abzubremsen und in allargando-Floskeln auszubrechen sucht, vom Orchester jedoch jedes Mal rigoros wieder auf die Spur gebracht wird: Der Solist bleibt im Käfig seiner virtuosen Mechanik gefangen.

Auch der dritte Satz, ein weiträumiges Adagio von abgeklärter Schönheit, legt bei näherem Hinsehen zwiespältigen Charakter an den Tag: Durch die Offenheit seines Beginns und das fragende, "unschlüssige" Ende wirkt der Satz nicht abgeschlossen, und die melodische Ruhe, die beinahe meditative Versenkung des Solisten ist durch den Übergangscharakter des Satzes aufgehoben, nahezu konterkariert. Grundiert von einem Orchestersatz von Streichern und gedeckten Holzbläserfarben ist dieses Adagio als eigentliches Herzstück des Konzerts: Eine Klage, ein resignatives Lamento als Abgesang auf eine verlorene Zeit.

Das Finale ist ein fast rondoartiger Kehraus, dessen Schwung, immer wieder durch rezitativische Gesten unterbrochen, schließlich im thematischen Material des Adagio gerinnt, ehe Sich der Solist nach einer Wiederaufnahme des raumgreifenden Anfangsrezitativs kopfüber in die kurze Schlußstretta stürzt  - ein Prinzip der Wiederaufnahme von vorangegangenen Themen, wie es von Antonín Dvorak im Finale seines Cellokonzerts als Rückschau auf das ganze Werk vorgebildet ist.

Eines der zahlreichen Paradoxa in Elgars Leben und Werk ist die Tatsache, daß er seine tiefsten Gefühle in Werken virtuosen und solistischen Charakters versteckt: Die beiden Solokonzerte, das für Violine (1910) und Violoncello, sind weitaus persönlicher gehalten als etwa Elgars zwei Sinfonien, und beide Konzerte sind in ihrer Aussage intimer als seine zahlreichen kammermusikalischen Werke. War das Violinkonzert ein Hymnus an die (laut Elgars vorangestelltem Motto) im Werk "eingeschlossene" Seele einer geliebten Frau, so ist das Cellokonzert nicht nur ein Abgesang auf die mit dem Ersten Weltkrieg beendete Epoche der viktorianischen Gründerzeit, sondern auch Elgars Lebewohl als Komponist; er schuf dieses Konzert geradezu als seinen Schwanengesang und notierte nach dem Eintrag des Stücks in sein persönliches Werkregister: "Finis. R.I.P." Elgar hatte das britische Empire auf seinem imperialen und wirtschaftlichen Höhepunkt während zweier Jahrzehnte musikalisch begleitet und porträtiert: Nun ist das Cellokonzert eine Threnodie auf den Untergang dieses Weltreichs und zugleich eine Klage über den Verlust der eigenen schöpferischen Kraft.